Sapphos Töchter. Mehrsprachigkeit und Geschlecht in der Aufklärung


„Wer eine Sprachverwirrung genießen kann, kann mit Vielfalt umgehen.“ So schreibt es die deutsch-japanische Autorin Yoko Tawada (2023, 60) in ihrem jüngsten Beitrag Zungengymnastik für die Genderdebatte. Nicht nur Tawada, auch weitere Ikonen mehrsprachigen Schreibens wie Hélène Cixous oder Gloria Anzaldúa denken über die Transgression von Geschlecht und Sprache nach und in Kim de l'Horizons Roman Blutbuch setzt sich die Erzählfigur auf der Suche nach der weiblichen Genealogie der Familie ebenfalls über die Grenzen von Geschlecht und Einsprachigkeit hinweg.

Dass Fragen von Gender und Vielsprachigkeit miteinander verbunden sind, ist in der Gegenwartsliteratur, so zeigen es diese Beispiele, evident. Was bisher aussteht, sind jedoch gendersensible Lektüren von Mehrsprachigkeit in historischer und literaturwissenschaftlicher Perspektive.

Meine Studie bringt translinguale Poetiken des 18. Jahrhunderts in Dialog mit aktuellen Diskursen um Mehrsprachigkeit und folgt damit dem von der Mediävistin Regina Toepfer geprägten Verfahren der „historisierenden Komparatistik“. Konkret geht es hierbei um die Schnittstellen von translingualen Schreibpraktiken und weiblicher Gelehrsamkeit in der europäischen Aufklärung: Wie nutzten Autorinnen Mehrsprachigkeit als kulturelles Kapital, um sich an Debatten zu beteiligen und einen eigenen Platz in der Gelehrtenrepublik zu erringen? Inwiefern diente Mehrsprachigkeit der Vernetzung mit Zeitgenossinnen und der Einschreibung in weibliche Literaturtraditionen und Genealogien? 

Diese Fragen lassen sich etwa im Rekurs auf Sappho beobachten, mit der sich die gelehrten Frauen aus Frankreich, Spanien und Portugal, die in dieser Studie im Mittelpunkt stehen, immer wieder in Form von Übertragungen und Nachdichtungen auseinandersetzen und die vor allem seit der Übersetzerin Anne Dacier (1645–1720) paradigmatisch für die Einschreibung in eine weibliche Literaturtradition steht.


Habilitationsschrift Dr. Marília Jöhnk, kontakt@marilia-joehnk.de
Laufzeit: 10/2020 bis 10/2024
Förderung: Interdisziplinäres Zentrum für die Erforschung der Europäischen Aufklärung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Fritz Thyssen Stiftung, Forschungsförderung Fachbereich 10